Wie man die Fahrradkette richtig wachst – der DIY Guide rund ums Kettenwachs

Es gibt viele Philosophien zur Pflege der Kette, keine Frage. Die einen schwören auf Öl. Andere auf Diesel. In diesem Beitrag möchte ich die Pflege mit Wachs beleuchten und die Vor- und Nachteile abwägen. Hier findest du eine Do-it-Yourself Anleitung, wie du deine Kette mit einfachsten Mitteln wachst, nachbehandelst, und welche fertigen Produkte es am Markt gibt.

Hinweis

Dieser Artikel steht im ständigen Wandel. Neue Erkenntnisse, Tipps und Tests von Produkten fließen in den Artikel mit ein und erweitern ihn. Wenn euch das Thema interessiert, schaut regelmäßig rein, es gibt immer wieder was neues. Gerne könnt ihr eure Erfahrungen in den Kommentaren schreiben!

Inhaltsverzeichnis

So ist es schon mal nicht richtig. 😉

Einleitung

Direkt vorweg: Meine persönliche Empfehlung zum “Heißwachsen” ist MoltenSpeedWax*. Diese Fertigmischung ist für ca. 35€ pro 500g zu bekommen und enthält alles, was für eine gute Kettenschmierung notwendig ist. Eine solche Packung reicht für locker 20-30 Wachsvorgänge, also schätzungsweise bis zu 9000km, wenn man von einer Nutzungsdauer von etwa 300km ausgeht. Je nach Kettenmodell kann das aber auch deutlich mehr werden.

Mir war die ganze Ölpraxis schon im Frühjahr 2020 ziemlich unhandlich, und ich habe meine ersten Versuche mit Kettenwachs gestartet. Zunächst habe ich mir nur eine Flasche Squirt Lube bestellt (flüssiges Wachs, was ähnlich eines Öls per Fläschchen auf die Kette gegeben wird), mit der Anwendung war ich zunächst zufrieden und bin damit den ganzen Sommer durch gefahren. Ein sauberer Antriebsstrang ist doch was herrliches. Nur sonderlich lang hielt eine Schmierung nicht an, nach jeder Fahrt musste ich ein wenig nachwachsen.

Als es allerdings langsam kalt und nass geworden ist, war die Freude dann langsam vorbei. Bei Regenfahrten war das Wachs schon nach 30km wie runtergewaschen und die Kette begann zu quietschen. Das ist mir ein deutlich zu kurzes Intervall. Also beschloss ich, die Kette in heißes Wachs einzulegen.

Arbeitsschritte der DIY Variante

Reinigung und Vorbehandlung der Kette

Schmutzige Kette im Ultraschallbad

Bei neuen Ketten – als auch bei gebrauchten, mit Öl genutzten (das macht allerdings nur Sinn, wenn die Kette nicht kurz vor der Verschleißgrenze ist) – muss sie zunächst vollständig von Öl, Fett und vor allem Schmutz befreit werden. So gründlich wie nur möglich.

Warum? Weil sich im Öl und Fett, auch im Inneren der Kette, kleine Schmutzpartikel sammeln, die dann für schnelleren Verschleiß der Kette sorgen. Außerdem kann das Wachs sich nicht richtig mit der metallischen Oberfläche verbinden, wenn noch Rückstände an ihr haften.

Ich verwende dazu drei alte Gurkengläser, im ersten Glas eine Mischung aus WD40 und Waschbenzin, im zweiten Glas reines Waschbenzin und im dritten Glas Isopropanol.

  1. Die Kette wird zunächst ins erste Bad (WD40 und Waschbenzin) gelegt und ca. 30 Minuten “ziehen” gelassen. Gelegentlich das Glas schütteln (für ca. 15 Sekunden jeweils). Es kann natürlich auch nicht schaden, die Kette einfach über Nacht eingelegt zu lassen, sodass das Waschbenzin komplett in die Kette eindringen kann.
  2. Dann kommt die Kette ins zweite Bad, wo sie wieder ca. 15 Minuten verweilt und gelegentlich durchgeschüttelt wird.
  3. Anschließend kommt die Kette in ein Bad aus Isopropanol, um die letzten Reste der Schmierung abzuwaschen, ebenfalls unter gelegentlichem Schütteln.

Wer zum Abschluss noch das allerletzte Quäntchen Fett und Schmutz herausbekommen möchte, legt die Kette für ein paar Minuten in ein Ultraschallbad* mit Isopropanol (Der Link führt zu dem Gerät, welches ich selbst verwende).

Ich kann es nur noch mal betonen: Je sauberer die Kette ist, umso besser wird die gewachste Kette später funktionieren! Also bloß nicht zu sehr hudeln beim saubermachen. Außerdem sollte das Wachsgemisch nicht mit Schmutz konterminiert werden, sonst bringt das alles nicht viel und der Verschleiß erhöht sich.

Die Flüssigkeiten können in den Gläsern aufbewahrt werden und der Schmutz setzt sich am Boden ab. Bevor ich die nächste Kette reinige, gieße ich die Flüssigkeiten um, der Schmutz bleibt am Boden und kann so entsorgt werden.

Gereinigte Kette

Anschließend kann die Kette eine halbe Stunde zum Trocknen in den Backofen bei rund 150 Grad. Ich schreibe bewusst “kann”, weil ich der Ansicht bin, dass dieser Schritt nicht unbedingt nötig ist. Reste vom Isopropanol verkochen in Form von Bläschen im heißen Wachs.

Da diese Praxis relativ aufwändig ist, bietet sich nach erfolgreichem Test die Anwendung gleich auf mehrere Ketten an.

Das Wachsbad und die Zusammensetzung (günstigste Variante)

Mein erstes Wachsbad habe ich einfach aus alten Kerzenstümpfen zusammengeschmolzen. Auch diese Variante hat funktioniert. Da das Wachs aber abgekühlt relativ hart wird, war das Brechen der Kettenglieder recht schwer. Ich habe daraufhin eine Kombination unterschiedlicher Inhaltsstoffe getestet, die wesentlich zufriedenstellender war. Hier zunächst die Zusammensetzung meines Wachsbades:

Das Paraffinwachs zieht in die Kettenglieder ein und härtet dort aus. Es wird die Basis der Schmierung zwischen Bolzen, Hülsen, Rollen und Laschen. Außerdem beschichtet es die Kettenglieder auch von außen und sorgt so für einen gewissen Korrosionsschutz.

Das Paraffinöl soll die “Brechbarkeit” und Gleitfähigkeit der Kettenglieder verbessern. Es stellt also eine Art “Verdünnung” dar. Mit einem Mischungsverhältnis von 1:10 fällt diese aber sehr gering aus, dafür fällt einiges an Aufwand beim Beweglichmachen der Kette weg.

Das Teflonpulver verbessert noch zusätzlich die Gleiteigenschaften, ist aber nicht zwingend erforderlich.

Die Zutaten werden auf dem Herd im Wasserbad, in einem Reiskocher bzw Dampfgarer* (dann aber nur für diesen Einsatz) zusammengeschmolzen. Die optimale Verarbeitungstemperatur liegt bei etwa 90-95 Grad.

Die Kette ziehe ich vor dem Bad auf einen Basteldraht, der die Anwendung deutlich vereinfacht.

Am Besten legt man die Kette schon vor dem Erhitzen auf das noch harte Wachs, sodass die Kette mit dem Wachs miterhitzt wird. Mit einem Fleischthermometer kann man gut die Temperatur kontrollieren. ab etwa 90-95 Grad kann man ausschalten, bzw. den Schongarer auf Warmhaltebetrieb umstellen. Viel höher sollte die Temperatur nicht steigen, da sonst möglicherweise das Wachs oder die Zutaten beschädigt werden.

Die Kette verbleibt etwa 15min im Bad und sollte gelegentlich hin und her bewegt werden, sodass das Wachs besser in die Glieder eindringen kann. Anschließend wird sie mit dem Draht aufgehängt und abkühlen/trocknen gelassen. Ich hänge die Kette direkt über dem Schongarer auf, sodass nicht alles versaut wird. Denn merke: Wachs auf Fliesen gibt ne tolle rutschige Oberfläche und lässt sich nur schwer entfernen.

Das Wachsgemisch verbleibt dann im Topf/Schongarer bis zur nächsten Anwendung. Sollte sich doch Schmutz am Boden abgesetzt haben, kann man das Wachs nach dem Auskühlen einfach herausnehmen und den Schmutz an der Unterseite abschaben.

Nachbehandlung und Montage

Im Anschluss muss die Kette wieder gangbar gemacht werden, da sich die einzelnen Glieder durch das feste Wachs nur schwer bewegen lassen (Wer Paraffinöl hinzugibt hat deutlich weniger Probleme). Hierzu sollte man jedes einzelne Glied mehrfach hin und herdrehen. Mit der oben genannten Mischung geht das sogar recht einfach.

Danach kann die Kette wieder am Rad montiert werden. Hierzu empfehle ich immer Kettenschlösser wie Missing Link oder Smart Link, insbesondere weil die Kette ja auch regelmäßig wieder abgenommen werden soll.

Die Kette wird die ersten paar Minuten der nächsten Fahrt etwas rauer laufen als gewohnt, dies legt sich aber sehr schnell.

Außer dem Wachsen der Kette empfehle ich eine kleine Schicht Wachs auf der Kassette, das verbessert die Schaltperformance um einiges. Ich trage dazu einfach Squirt Lube * mit einem Pinsel leicht auf die Ritzel auf.

Die Kette ist nun in der Regel für ein paar hundert Kilometer gerüstet. Gelegentliches Nachwachsen mit z.B. Squirt Lube * oder ähnlichen Wachsbasierten Schmiermitteln kann – insbesondere an feuchten Tagen – nicht schaden.

Die Kette muss nach Regenfahrten regelmäßig abgetrocknet werden, um Rost zu vermeiden. Einfach mit einem trockenen Tuch oder Lappen die Feuchtigkeit abwischen.

Ansonsten genügt nach der Schmutzfahrt mit Wasser gründlich abzuspülen und abtrocknen.

Fertige Kettenwachsmischungen

Natürlich kann man auch auf fertige Mischungen zurückgreifen. Das hat sogar auch Vorteile, denn man bekommt ein perfekt abgestimmtes Produkt und muss sich um die Zusammensetzung kaum noch Gedanken machen. Dafür sind diese Mischungen etwas teurer als zum Beispiel reines Paraffin mit einem Schuss Paraffinöl.

Molten Speed Wax

Molten Speed Wax*

Molten Speed Wax* ist das erste “Fertigwachs” im Test. Es kommt in der Regel im 500g-Säckchen daher und kostet irgendwo um die 35€. Die Zusammensetzung beinhaltet neben Wachs auch Teflon, Molybdän(IV)sulfid (Mos2) und Wolfram(IV)sulfid (Tungsten Disulfide (WS2)), welche die Gleiteigenschaften verbessern und wasserabweisender sein sollen.

Für den Renneinsatz empfielt sich das Mspeedwax RacePowder*, was zusätzlich über die Kette gestreut wird.

weitere Fertigwachs Produkte

Ich teste zunächst das Speed Wax und werde mich dann noch weiteren etablierten Fertigwachsen widmen.

Pflegemittel für zwischendurch

Natürlich will man die Kette nicht regelmäßig demontieren und ins Wachsbad legen. Für zwischendurch gibt es einige geeignete Mittel auf Wasserbasis, mit denen die Kette behandelt werden kann und bei denen eine heißgewachste Kette nur vorteilhaft ist.

Squirt Lube

Ich habe Squirt Lube* im Artikel schon einige Male erwähnt. Hierbei handelt es sich um ein Wachs in flüssiger Form. Dem Wachsgemisch (es enthält gewiss noch weitere Zutaten) ist ein Flüssigmacher sowie Wasser beigemischt. Dieses verdunstet langsam nach der Applikation, während das Wachsgemisch einzieht (so die grundsätzliche Theorie).

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Squirt Lube* insbesondere im Sommer und an trockenen Tagen eine wunderbare Ergänzung ist. Hier lassen sich noch mal etliche Kilometer rausholen, wenn die Kette ordentlich vorbehandelt ist. Anfangs habe ich Squirt Lube* alleine (ohne vorheriges Wachsbad) verwendet und war einigermaßen enttäuscht über die Haltbarkeit. Nach einer Regenfahrt begann die Kette sofort zu quietschen. Wenn die Kette aber vorher im Wachsbad war, lief alles wie geschmiert.

Squirt Lube* gibt es in zwei Varianten, einmal das normale*, und einmal für kalte Tage* (Winter). Ich hab euch das mal entsprechend verlinkt.

Smoove

Ich habe den Hinweis auf Facebook erhalten und mir natürlich gleich mal eine Flasche Smoove* zum Testen bestellt.

Das Produkt soll besser für Zwischenschmierungen geeignet sein und insbesondere bei nassen und staubigen Verhältnissen besser sein als Squirt.

Ich freue mich sehr über dein Feedback. Schreibe mir gerne einen Kommentar, Email, Whatsapp oder auf Facebook über deine Erfahrungen.

Andreas

Hi, ich bin Andreas und begeisterter Gravelbiker aus Rheinhessen. Mit meinem Blog möchte ich andere Radfahrer in der Region erreichen, Touren und Events mit ihnen teilen und Tipps rund ums Rad geben.

4 Antworten

  1. Rausch M. sagt:

    Ist sehr gut beschrieben.

  2. Matze sagt:

    Top, werde ich zum Start meiner Saison auf jeden Fall so anwenden

  3. Martin Blank sagt:

    Ich liebe solche “tech nerd” Beiträge. Eventuell probiere ich das auch mal aus. Im Sommer bin ich bisher von Innotech 105 ziemlich überzeugt. Aber im Nassen taugt das nicht wirklich…

    • Andreas sagt:

      Danke dir 🙂
      Es gibt Kettenpflegeprodukte wie Sand am Meer. Auch im Wachsbereich gibt es unzählige Sachen, Flüssigwachs wie Squirt oder festes Wachs von Molten Speed Wax zum Beispiel. Man kann für die Sachen unmengen an Geld rausschmeißen. Daher hab ich diesen Beitrag auch im DIY Stil gehalten. Denn bei Tests von diversen Youtubern (z.B. OZ Cycles, https://www.youtube.com/watch?v=HHr9znwpwmQ) kam dann unter anderem raus (so wird es zumindest dargestellt), dass so ein selbst gemixtes Wachs der Kette eine längere Lebensdauer beschert und auch sonst besser abschneidet als diese vorkonfektionierten Premiumwachse.

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