Wie man die Fahrradkette richtig wachst – der DIY Guide rund ums Kettenwachs

Es gibt viele Philosophien zur Pflege der Kette, keine Frage. Die einen schwören auf Öl. Andere auf Diesel. In diesem Beitrag möchte ich die Pflege mit Wachs beleuchten und die Vor- und Nachteile abwägen. Hier findest du eine Do-it-Yourself Anleitung, wie du deine Kette mit einfachsten Mitteln wachst, nachbehandelst, und welche fertigen Produkte es am Markt gibt.

Hinweis

Dieser Artikel steht im ständigen Wandel. Neue Erkenntnisse, Tipps und Tests von Produkten fließen in den Artikel mit ein und erweitern ihn. Wenn euch das Thema interessiert, schaut regelmäßig rein, es gibt immer wieder was neues. Gerne könnt ihr eure Erfahrungen in den Kommentaren schreiben!

Inhaltsverzeichnis

So ist es schon mal nicht richtig. 😉

Einleitung

Mir war die ganze Ölpraxis im Frühjahr schon ziemlich unhandlich, und ich habe meine ersten Versuche mit Kettenwachs gestartet. Zunächst habe ich mir nur eine Flasche Squirt Lube bestellt (flüssiges Wachs, was ähnlich eines Öls per Fläschchen auf die Kette gegeben wird), mit der Anwendung war ich zunächst zufrieden und bin damit den ganzen Sommer durch gefahren. Ein sauberer Antriebsstrang ist doch was herrliches. Nur sonderlich lang hielt eine Schmierung nicht an, nach jeder Fahrt musste ich ein wenig nachwachsen.

Als es allerdings langsam kalt und nass geworden ist, war die Freude dann langsam vorbei. Bei Regenfahrten war das Wachs schon nach 30km wie runtergewaschen und die Kette begann zu quietschen. Das ist mir ein deutlich zu kurzes Intervall. Also beschloss ich, die Kette in heißes Wachs einzulegen.

Arbeitsschritte der DIY Variante

Reinigung und Vorbehandlung der Kette

Schmutzige Kette im Ultraschallbad

Bei neuen Ketten – als auch bei gebrauchten, mit Öl genutzten Ketten – muss die Kette zunächst vollständig von Öl und Fett befreit werden, so gründlich wie nur möglich.

Ich verwende dazu drei alte Gurkengläser, im ersten Glas eine Mischung aus WD40 und Waschbenzin, im zweiten Glas reines Waschbenzin und im dritten Glas Isopropanol.

Nachdem die Kette grob von Schmutz befreit ist, kommt sie ins erste Glas, wo sie eine Zeit lang verweilt, und gelegentlich durchgeschüttelt wird. Die Kette sollte mehrere Stunden (oder am Besten über Nacht) in diesem Bad bleiben, um den größten Effekt zu erzielen. Danach wandert die Kette ins nächste Bad, hier reicht eine Stunde. Im Isopropanolbad werden die letzten Reste der Schmierung rausgewaschen, immer unter gelegentlichem Schütteln.

Wer zum Abschluss noch das allerletzte Quäntchen Fett herausbekommen möchte, legt die Kette für ein paar Minuten in ein Ultraschallbad * (Der Link führt zu dem Gerät, welches ich selbst verwende).

Anschließend kann die Kette eine halbe Stunde zum Trocknen in den Backofen bei rund 150 Grad. Ich schreibe bewusst “kann”, weil ich der Ansicht bin, dass dieser Schritt nicht unbedingt nötig ist. Reste von Wasser verkochen in Form von Bläschen im heißen Wachs. Wenn man die Kette einfach so lange im Wachs lässt und bewegt, bis keine Bläschen mehr aufsteigen, hat das Wachs das Wasser vollständig verdrängt.

Da diese Praxis relativ aufwändig ist, bietet sich nach erfolgreichem Test die Anwendung gleich auf mehrere Ketten an.

Das Wachsbad und die Zusammensetzung

Mein erstes Wachsbad habe ich einfach aus alten Kerzenstümpfen zusammengeschmolzen. Auch diese Variante hat funktioniert. Da das Wachs aber abgekühlt relativ hart wird, war das Brechen der Kettenglieder recht schwer. Ich habe daraufhin eine Kombination unterschiedlicher Inhaltsstoffe getestet, die wesentlich zufriedenstellender war. Hier zunächst die Zusammensetzung meines Wachsbades:

Das Paraffinwachs zieht in die Kettenglieder ein und härtet dort aus. Es wird die Basis der Schmierung zwischen Bolzen, Hülsen, Rollen und Laschen. Außerdem beschichtet es die Kettenglieder auch von außen und sorgt so für einen gewissen Korrosionsschutz.

Das Paraffinöl soll die “Brechbarkeit” und Gleitfähigkeit der Kettenglieder verbessern. Es stellt also eine Art “Verdünnung” dar. Mit einem Mischungsverhältnis von 1:10 fällt diese aber sehr gering aus, dafür fällt einiges an Aufwand beim Beweglichmachen der Kette weg.

Das Teflonpulver verbessert noch zusätzlich die Gleiteigenschaften.

Die Zutaten werden auf dem Herd im Wasserbad, in einem Reiskocher bzw Dampfgarer* (dann aber nur für diesen Einsatz) zusammengeschmolzen. Die optimale Verarbeitungstemperatur liegt bei etwa 90-95 Grad.

Die Kette ziehe ich vorm Bad auf einen Basteldraht, der die Anwendung deutlich vereinfacht. Dann wird die Kette ins Bad gelegt und einige Male darin hin und her gewendet, sodass Bewegung in den Gliedern entsteht und das Wachs besser in die Fugen eindringen kann. Die Kette verbleibt etwa 1/2 Stunde im Bad. Anschließend wird sie mit dem Draht aufgehängt und abkühlen/trocknen gelassen.

Das Wachsgemisch verbleibt dann im Topf/Reiskocher bis zur nächsten Anwendung. Sollte sich zu viel Schmutz am Boden abgesetzt haben, kann man das Wachs nach dem Auskühlen einfach herausnehmen und den Schmutz an der Unterseite abschaben.

Nachbehandlung und Montage

Im Anschluss muss die Kette wieder gangbar gemacht werden, da sich die einzelnen Glieder durch das feste Wachs nur schwer bewegen lassen (Wer Paraffinöl hinzugibt hat deutlich weniger Probleme). Hierzu sollte man jedes einzelne Glied mehrfach hin und herdrehen. Mit der oben genannten Mischung geht das sogar recht einfach.

Danach kann die Kette wieder am Rad montiert werden. Hierzu empfehle ich immer Kettenschlösser wie Missing Link oder Smart Link, insbesondere weil die Kette ja auch regelmäßig wieder abgenommen werden soll.

Die Kette wird die ersten paar Minuten der nächsten Fahrt etwas rauer laufen als gewohnt, dies legt sich aber sehr schnell.

Außer dem Wachsen der Kette empfehle ich eine kleine Schicht Wachs auf der Kassette, das verbessert die Schaltperformance um einiges. Ich trage dazu einfach Squirt Lube * mit einem Pinsel leicht auf die Ritzel auf.

Die Kette ist nun in der Regel für ein paar hundert Kilometer gerüstet. Gelegentliches Nachwachsen mit z.B. Squirt Lube * oder ähnlichen Wachsbasierten Schmiermitteln kann – insbesondere an feuchten Tagen – nicht schaden.

Die Kette muss nach Regenfahrten regelmäßig abgetrocknet werden, um Rost zu vermeiden. Einfach mit einem trockenen Tuch oder Lappen die Feuchtigkeit abwischen.

Ansonsten genügt nach der Schmutzfahrt mit Wasser gründlich abzuspülen und abtrocknen.

Fertige Kettenwachsmischungen

Natürlich kann man auch auf fertige Mischungen zurückgreifen. Das hat sogar auch Vorteile, denn man bekommt ein perfekt abgestimmtes Produkt und muss sich um die Zusammensetzung kaum noch Gedanken machen. Dafür sind diese Mischungen deutlich teurer als zum Beispiel reines Paraffin mit einem Schuss Paraffinöl.

Molten Speed Wax

Molten Speed Wax*

Molten Speed Wax* ist das erste “Fertigwachs” im Test. Es kommt in der Regel im 500g-Säckchen daher und kostet irgendwo um die 35€. Die Zusammensetzung beinhaltet neben Wachs auch Teflon, Molybdän(IV)sulfid (Mos2) und Wolfram(IV)sulfid (Tungsten Disulfide (WS2)), welche die Gleiteigenschaften verbessern und wasserabweisender sein sollen.

Für den Renneinsatz empfielt sich das Mspeedwax RacePowder*, was zusätzlich über die Kette gestreut wird.

weitere Fertigwachs Produkte

Ich teste zunächst das Speed Wax und werde mich dann noch weiteren etablierten Fertigwachsen widmen.

Pflegemittel für zwischendurch

Natürlich will man die Kette nicht regelmäßig demontieren und ins Wachsbad legen. Für zwischendurch gibt es einige geeignete Mittel auf Wasserbasis, mit denen die Kette behandelt werden kann und bei denen eine heißgewachste Kette nur vorteilhaft ist.

Squirt Lube

Ich habe Squirt Lube* im Artikel schon einige Male erwähnt. Hierbei handelt es sich um ein Wachs in flüssiger Form. Dem Wachsgemisch (es enthält gewiss noch weitere Zutaten) ist ein Flüssigmacher sowie Wasser beigemischt. Dieses verdunstet langsam nach der Applikation, während das Wachsgemisch einzieht (so die grundsätzliche Theorie).

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Squirt Lube* insbesondere im Sommer und an trockenen Tagen eine wunderbare Ergänzung ist. Hier lassen sich noch mal etliche Kilometer rausholen, wenn die Kette ordentlich vorbehandelt ist. Anfangs habe ich Squirt Lube* alleine (ohne vorheriges Wachsbad) verwendet und war einigermaßen enttäuscht über die Haltbarkeit. Nach einer Regenfahrt begann die Kette sofort zu quietschen. Wenn die Kette aber vorher im Wachsbad war, lief alles wie geschmiert.

Squirt Lube* gibt es in zwei Varianten, einmal das normale*, und einmal für kalte Tage* (Winter). Ich hab euch das mal entsprechend verlinkt.

Smoove

Ich habe den Hinweis auf Facebook erhalten und mir natürlich gleich mal eine Flasche Smoove* zum Testen bestellt.

Das Produkt soll besser für Zwischenschmierungen geeignet sein und insbesondere bei nassen und staubigen Verhältnissen besser sein als Squirt. Na ob dem so ist? Ich werde es noch testen!

Ich freue mich sehr über dein Feedback. Schreibe mir gerne einen Kommentar, Email, Whatsapp oder auf Facebook über deine Erfahrungen.

Andreas

Hi, ich bin Andreas und begeisterter Gravelbiker aus Rheinhessen. Mit meinem Blog möchte ich andere Radfahrer in der Region erreichen, Touren und Events mit ihnen teilen und Tipps rund ums Rad geben.

4 Antworten

  1. Rausch M. sagt:

    Ist sehr gut beschrieben.

  2. Matze sagt:

    Top, werde ich zum Start meiner Saison auf jeden Fall so anwenden

  3. Martin Blank sagt:

    Ich liebe solche “tech nerd” Beiträge. Eventuell probiere ich das auch mal aus. Im Sommer bin ich bisher von Innotech 105 ziemlich überzeugt. Aber im Nassen taugt das nicht wirklich…

    • Andreas sagt:

      Danke dir 🙂
      Es gibt Kettenpflegeprodukte wie Sand am Meer. Auch im Wachsbereich gibt es unzählige Sachen, Flüssigwachs wie Squirt oder festes Wachs von Molten Speed Wax zum Beispiel. Man kann für die Sachen unmengen an Geld rausschmeißen. Daher hab ich diesen Beitrag auch im DIY Stil gehalten. Denn bei Tests von diversen Youtubern (z.B. OZ Cycles, https://www.youtube.com/watch?v=HHr9znwpwmQ) kam dann unter anderem raus (so wird es zumindest dargestellt), dass so ein selbst gemixtes Wachs der Kette eine längere Lebensdauer beschert und auch sonst besser abschneidet als diese vorkonfektionierten Premiumwachse.

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